Was ein Moisturizer leistet – und was die Forschung gerade über ihn herausfindet
Von den klassischen Pflegeprodukten ist der Moisturizer für mich das wichtigste, besonders für die Haut des Gesichts. Wenn ich auf einen einzigen Pflegeschritt nicht verzichten wollte, wäre es dieser.
Das Wort kommt aus dem Englischen und bedeutet schlicht Befeuchter. Dahinter steckt eine Emulsion, also eine Mischung aus zwei Flüssigkeiten, die sich von Haus aus abstoßen: Wasser und Fett. Erst ein Emulgator bringt sie zusammen. In einer Emulsion ist der eine Teil in Form feiner Tröpfchen im anderen verteilt, und genau daran entscheidet sich, um welchen Typ es sich handelt. Bei einer Öl-in-Wasser-Emulsion liegen Öltröpfchen in einer zusammenhängenden Wasserphase. Solche Cremes fühlen sich meist leichter an. Milch ist ein Beispiel dafür. Bei einer Wasser-in-Öl-Emulsion ist es umgekehrt: Wassertröpfchen liegen in einer zusammenhängenden Fettphase, und die Creme ist in aller Regel reichhaltiger. Die Aufgabe des Moisturizers ist überschaubar und wichtig zugleich. Er soll die Haut geschmeidig halten, ihre Flüssigkeitsverluste ausgleichen und mit einer vorübergehenden Versiegelung dafür sorgen, dass sie gegen weitere Verluste besser gewappnet ist. Er soll sicherstellen, dass die Integrität der Barriere auf allen fünf Ebenen gewahrt bleibt: auf der mechanischen, der chemischen, der biochemischen, der immunologischen und der mikrobiologischen.
Diese Frage ist berechtigt, denn die dritte der fünf Barriereebenen, die biochemische, ist genau das: eine hauteigene Emulsion aus Wasser und Fetten. Die Haut produziert ihre eigene Creme, und sie tut das gut. Der Punkt ist, dass dieses Eigenprogramm meist nicht ausreicht, um die Haut tagein, tagaus pflegend zu begleiten. Häufiges Waschen und Reinigen setzt der Barriere zu, trockene Heizungsluft ebenso. Die Haut verliert kontinuierlich Wasser über den transepidermalen Wasserverlust, den man weder sieht noch spürt. Sie verliert täglich bis zu 50 Millionen Hornzellen und mit ihnen Fette, Eiweiße und Aminosäuren. Und mit zunehmendem Alter lässt ihre Fähigkeit nach, Barrierelipide in ausreichender Menge nachzubilden. Es gibt Ausnahmen. Kinderhaut braucht wenig Pflege und kommt oft ganz ohne unterstützende Creme aus. Bei den meisten Menschen steigt der Bedarf erst etwa ab dem 20. Lebensjahr allmählich an. Und da, wo irgendwann nachgebessert werden muss, braucht es meistens keine aufwendige Hightech-Creme. Eine gut verträgliche Formulierung, die der Haut Wasser und Lipide liefert, erfüllt ihren Zweck. Zumindest hat man damit die Basispflege gesichert.
Kinderhaut braucht wenig Pflege und kommt oft ganz ohne unterstützende Creme aus. Bei den meisten Menschen steigt der Bedarf erst etwa ab dem 20. Lebensjahr allmählich an.
Es gibt unendlich viele Hauttypen. Nach meiner Erfahrung aus vier Jahrzehnten Praxis lassen sich die meisten Menschen bei der Wahl eines Moisturizers dennoch grob einer von drei Gruppen zuordnen. Etwa 10 bis 15 Prozent haben eine gute Talgdrüsenaktivität und eine eher fett-feuchte Haut. Sie stellt selbst reichlich Lipide her, Feuchtigkeit ist für sie wichtiger als Fett. Meist sind es jüngere Menschen, manche behalten diesen Hauttyp ein Leben lang. Für sie ist eine leichte Textur richtig, eine Öl-in-Wasser-Emulsion mit geringem Fettanteil.
Etwa 70 bis 80 Prozent, also die große Mehrheit, haben eine Haut, die weder ausgesprochen fettig noch ausgesprochen trocken ist. Sie kommt mit den alltäglichen Belastungen für sich genommen gut zurecht, verliert dabei aber über Reinigung, Heizungsluft und den Wechsel der Jahreszeiten fortwährend beides, Wasser und Fett. Und beides muss in etwa gleichem Maß ersetzt werden. Diese Gruppe zieht sich durch alle Altersstufen. Für sie ist eine mittlere Textur richtig, ebenfalls eine Öl-in-Wasser-Emulsion, hier aber mit ausgewogenem Verhältnis von Fett und Feuchtigkeit. Etwa 10 bis 15 Prozent haben eine fettarm-trockene Haut. Ihnen fehlt vor allem das Fett, und ohne Fett hält die Hornschicht auch das Wasser schlechter. Betroffen sind häufig Menschen in der zweiten Lebenshälfte, ebenso Menschen mit einer Neigung zu Austrocknungsekzemen oder zu Neurodermitis, gelegentlich auch Jüngere mit einer sehr pflegebedürftigen Haut. Sie brauchen eine reichhaltige Textur, eine Wasser-in-Öl-Emulsion mit hohem Fettanteil. Wer unsicher ist, beginnt mit der mittleren Stufe. Fettet die Creme zu stark, geht man eine Stufe herunter. Spannt die Haut weiterhin, geht man eine Stufe hinauf. Meine Erfahrung aus der Sprechstunde ist, dass intuitiv fast immer zu reichhaltig gewählt wird. Im Winter verschiebt sich der Bedarf zusätzlich, weil Kälte draußen und trockene Heizungsluft drinnen gemeinsam gegen die Haut arbeiten und die Lipidproduktion nicht hinterherkommt. Die Lipide der Haut sind entscheidend dafür, Wasser in der Hornschicht zu halten. Wenn sie fehlen, geht deshalb auch leichter Feuchtigkeit verloren.
Bis hierhin ist alles gut etabliert. Interessant wird es bei einer Frage, die in der Dermatologie erst seit einigen Jahren untersucht wird: ob die tägliche Pflege der Haut Entzündungsprozesse im Körper beeinflusst. Eine Arbeitsgruppe um Peter Elias und Mao-Qiang Man an der University of California in San Francisco hat 2019 eine Pilotstudie veröffentlicht. 33 ältere Menschen wurden 30 Tage lang zweimal täglich am gesamten Körper mit einer speziell entwickelten Pflege behandelt, deren Lipidmischung dem Aufbau der Hornschicht nachempfunden ist. Unbehandelte ältere Probanden und eine Gruppe junger Freiwilliger dienten zum Vergleich. Die Barrierefunktion verbesserte sich messbar, ebenso die Durchfeuchtung der Hornschicht. Und dann kam der Teil, mit dem niemand gerechnet hatte: Im Blut sanken die Werte zweier Entzündungsbotenstoffe, Interleukin-1β und Interleukin-6, auf ein Niveau nahe dem der jungen Vergleichsgruppe. Ein dritter Marker, TNF-α, ging um mehr als 40 Prozent zurück, hier allerdings ohne statistisch signifikanten Unterschied zur unbehandelten Gruppe. Der Effekt, um den es hier geht, ist also ein entzündungshemmender. Bemerkenswert ist, wo er sich zeigte. Aufgetragen wurde die Creme auf die Haut, gemessen wurden die Botenstoffe im Blut. Das ist der Grund, warum diese kleine Arbeit so viel Aufmerksamkeit gefunden hat. Das alles ist jedoch eher ein Befund und kein Beweis. 33 Teilnehmer sind wenige, 30 Tage auch, und die Autoren fordern am Ende ihrer Arbeit selbst eine größere Untersuchung. Allerdings passt das Ergebnis zu dem, was wir über die Barriere ohnehin wissen.
Die Frage klingt zunächst abwegig. Eine Creme arbeitet an der Oberfläche, Entzündungswerte misst man im Blut. Der Weg dazwischen führt über die Barriere. Altershaut verliert Lipide, vor allem Ceramide, freie Fettsäuren und Cholesterin. Die Barriere wird durchlässiger. Eine poröse Barriere ist trocken, und sie ist zugleich eine Dauerbaustelle: Sie sendet fortwährend Entzündungssignale in Form von Zytokinen, die ins Blut übertreten und dort messbar erhöht bleiben. Wird die Barriere jedoch von außen unterstützt, scheint die Haut weniger dieser Entzündungssignale abzugeben. Die Haut ist unser größtes Organ. Selbst eine minimale, klinisch unauffällige Entzündung fällt bei dieser Fläche ins Gewicht. Und genau das ist die Überlegung hinter diesen Untersuchungen: Ein Organ dieser Größe kann den ganzen Körper beeinflussen, auch wenn es an keiner Stelle krank aussieht. Chronische, niedrigschwellige Entzündung gilt heute als einer der zentralen Treiber des biologischen Alterns. Der Begriff dafür ist Inflammaging. Erhöhte Zytokinspiegel stehen in Zusammenhang mit einer Reihe altersbedingter Erkrankungen. Die Ursachen sind vielfältig und liegen im Stoffwechsel, im Mikrobiom und in der zellulären Seneszenz. Möglicherweise spielt die Hautbarriere bei diesen Entzündungsprozessen also eine größere Rolle, als man ihr bislang zugetraut hat. Und wenn das zutrifft, wäre der Moisturizer nicht nur ein Pflegeprodukt, sondern ein Mittel, das auch an dieser Stelle eingreift. Für die tägliche Routine ändert dieser Forschungsstand wenig. Er ändert aber, wie man sie versteht.
Ein Moisturizer ist ein unspektakuläres Produkt. Aber er hält die Barriere in Ordnung. Und eine intakte Barriere ist die Grundlage, auf der jede weitere Hautpflege aufbaut. Und so wie es aussieht, trägt sie darüber hinaus dazu bei, stille, dauerhafte Entzündungsprozesse im Körper zu dämpfen. Dabei gilt: Das Gesicht ist nur ein kleiner Teil der Körperoberfläche. Beide Untersuchungen haben die Haut großflächig behandelt. Gute Pflege endet deshalb nicht am Dekolleté. Nach dem, was wir heute wissen, könnten diese zwei zusätzlichen Minuten des Eincremens mehr bewirken, als wir lange angenommen haben