16. Okt 2026
Hautgesundheit Wissen

Was ist eigentlich Schönheit?

Was macht einen Menschen schön? Eine gesunde Haut, ein ebenmäßiges Gesicht? Das spielt sicher eine Rolle. Aber Schönheit ist sehr viel mehr. Und sie hat weit weniger mit Jugend zu tun, als wir gemeinhin annehmen.

Kaum ein Gesicht ist vollkommen symmetrisch. Manchmal ist es eine Narbe aus der Kindheit, ein Muttermal oder eine besondere Proportion, die die perfekte Symmetrie stört. Zum Glück.

Über Wahrnehmung, Individualität und den Irrtum, Schönheit an Jugend zu messen

Was ist schöne Haut, was ein schönes Gesicht, was ein schöner Mensch? Als Dermatologe kann ich zumindest einen Teil dieser Fragen ziemlich genau beantworten. Warum wir einen Menschen schön finden, ist damit aber noch lange nicht erklärt. Beginnen wir mit dem Teil, der sich beantworten lässt.

Schönheit ist kein Phänomen der Jugend

Aus dermatologischer Sicht ist eine schöne Haut top gepflegt, frei von Irritationen, gut durchblutet, relativ homogen in Farbe und Struktur und von altersentsprechender Oberflächentextur. Das gilt für alle Hauttypen, von schneeweiß bis tiefschwarz. Und das wichtigste Wort in dieser Aufzählung ist „altersentsprechend“. Natürlich ist die Haut eines zwanzigjährigen Menschen meist glatter und ebenmäßiger als die eines sechzigjährigen. Junge Menschen sind auch überzufällig häufig schön, das ist durchaus richtig. Aber warum sollte die Haut eines Sechzigjährigen nach den Maßstäben eines Zwanzigjährigen beurteilt werden? Wir gestehen unserem Herzen, unserer Lunge und unseren Gelenken zu, im Laufe des Lebens Gebrauchsspuren zu entwickeln. Nur bei der Haut fällt uns das offenbar schwer. Dabei kann eine Haut mit Falten wunderbar schön sein. Schönheit gibt es in jeder Lebensphase.

Was unser Auge tatsächlich wahrnimmt

Unser Auge nimmt an einem Gesicht ohnehin mehr wahr als Falten oder glatte Haut. In einer Studie von 2006 veränderten die Wissenschaftler Bernhard Fink, Karl Grammer und Paul Matts in digital bearbeiteten Bildern weiblicher Gesichter ausschließlich die Verteilung der Hautfarbe. Gesichtsform und Oberflächenstruktur blieben gleich. Das Ergebnis war bemerkenswert: Die Gesichter mit einem gleichmäßigeren Teint wurden als jünger, gesünder und attraktiver eingeschätzt. Das sagt zunächst etwas über unsere Wahrnehmung aus, nicht über die tatsächliche Gesundheit der betrachteten Menschen. Praktisch bedeutsam ist das Ergebnis trotzdem, denn die Farbverteilung lässt sich beeinflussen: Chronische UV-Belastung trägt wesentlich zu Pigmentunregelmäßigkeiten bei. Konsequenter Sonnenschutz hilft, ihnen vorzubeugen. Was Schönheit als solche ausmacht, ist allerdings eine wesentlich größere Frage.

Ästhetik heißt Wahrnehmung

Schönheit ist ein Phänomen der Ästhetik. Das Wort geht auf das griechische aísthēsis zurück, was Wahrnehmung bedeutet. Aus der Medizin kennen wir denselben Wortstamm: Bei einer Anästhesie nimmt man nichts mehr wahr. Der Philosoph Alexander Gottlieb Baumgarten, der im 18. Jahrhundert die Ästhetik als eigene Disziplin begründete, beschrieb Schönheit als die „Vollkommenheit der sinnlichen Erkenntnis“. Schönheit liegt demnach nicht allein in dem, was wir betrachten. Es kommt auch darauf an, wie wir es wahrnehmen. Das heißt keineswegs, dass alles beliebig ist und Schönheit ausschließlich im Auge des Betrachters liegt. Aber unser Blick, unsere Erfahrungen und unsere Vorstellungen prägen mit, was wir schön finden. Besonders gut lässt sich das an menschlichen Gesichtern beobachten.

Was ein Gesicht unverwechselbar macht

Symmetrie gilt seit jeher als wichtiges Schönheitsmerkmal. Doch wenn man ein Gesicht aus zwei vollkommen spiegelgleichen Hälften zusammensetzt, wirkt das Ergebnis oft merkwürdig, manchmal sogar unnatürlich. In Wirklichkeit ist kaum ein Gesicht vollkommen symmetrisch. Ein Auge ist vielleicht etwas größer als das andere, ein Mundwinkel sitzt etwas höher, eine Nase hat eine ungewöhnliche Form. Manchmal ist es eine Narbe aus der Kindheit, ein Muttermal oder eine besondere Proportion, die die perfekte Symmetrie stört. Zum Glück. Ich kann mich nicht erinnern, jemals ein langweiliges Gesicht gesehen zu haben. Jedes Gesicht hat Fixpunkte, kleinere oder größere Besonderheiten, die ihm seine Individualität verleihen. Oft sind es gerade diese Abweichungen von der vermeintlichen Norm, die hängen bleiben. Das gilt übrigens auch für den Blick in den Spiegel. Was wir an uns selbst als Makel empfinden, kann für andere genau das sein, was unser Gesicht unverwechselbar macht. Hinzu kommt, dass ein Gesicht nicht stillsteht. Sobald ein Mensch spricht, lacht, zuhört oder nachdenkt, verändert es sich. Auch Körperhaltung, Sprache, Habitus und Selbstbewusstsein prägen unseren Eindruck. So kann ein Mensch, der auf den ersten Blick unscheinbar wirkt, im Gespräch oder auf den zweiten Blick eine außerordentliche Schönheit entwickeln. Die Schönheit eines Menschen ist deshalb nie allein eine Frage seiner äußeren Erscheinung. Hülle und Kern sind untrennbar miteinander verbunden.

Kaum ein Gesicht ist vollkommen symmetrisch. Manchmal ist es eine Narbe aus der Kindheit, ein Muttermal oder eine besondere Proportion, die die perfekte Symmetrie stört. Zum Glück.

Wer bestimmt, was schön ist?

Unsere Vorstellungen davon, was schön ist, sind weit weniger unabhängig, als wir vielleicht glauben. Der französische Philosoph Michel Foucault hat beschrieben, wie gesellschaftliche Normen eine disziplinierende Macht entfalten: Menschen passen sich an und übernehmen die Vorstellungen ihrer Umgebung. Beim Thema Schönheit orientieren wir uns an Bildern, an Idealen und daran, was die eigene Peergroup für attraktiv hält. Das kann dazu führen, dass wir ausgerechnet jene Eigenheiten korrigieren möchten, die uns unverwechselbar machen. Der englische Dichter Edward Young hat schon 1759 gefragt: „Born Originals, how comes it to pass that we die Copies?“ Wir werden als Originale geboren. Wie kommt es, dass wir als Kopien sterben? Ich bin der festen Überzeugung, dass es gerade bei der Schönheit wichtig ist, seinen eigenen Weg zu gehen und selbstbewusst für sich zu entscheiden, was man schön findet.

Schönheit findet sich überall

Vielleicht hilft es, Schönheit nicht nur am menschlichen Gesicht festzumachen. Wir können sie in der Musik, der Sprache und der Literatur finden, im Garten hinter dem Haus, zwischen Asphaltplatten oder an der moosbesetzten Mauer am Fleet. Oft begegnet sie uns an Orten, an denen wir sie nicht erwartet hätten. Vieles davon entspricht keinem gängigen Ideal, und manches erschließt sich erst beim zweiten oder dritten Hinsehen. Nicht immer lässt sich erklären, warum uns etwas berührt. Schönheit lässt sich eben nicht vollständig vermessen. Vor allem muss man bereit sein, sie überhaupt wahrzunehmen.

Mehr dazu im Kapitel „Schönheit – Den eigenen Weg finden“ meines Buches How to Look Better.